Armenien und Iran #1

von Manuel Waßenberg

Salam zusammen!

Nach gut zwei Wochen intensiver Herumradelei melden wir uns heute wohlbehalten nach insgesamt über 6400 gefahrenen Kilometern aus der iranischen Hauptstadt Tehran. Die Sonne scheint hier den lieben langen Tag und heizt diese chaotische Stadt auf über 36°C auf. Gut, dass man hier an jeder Straßenecke für sehr wenig Geld Eis und kühle Getränke kaufen kann. So rettet wir uns über den Tag.

Zunächst führte unsere Route von Tiflis aus in Richtung Süden und noch am gleichen Tag betraten wir armenischen Grund und Boden. Erstaunlich hierbei war, dass sich die Landschaft innerhalb dieser 70 km von saftig-grün zu staubig-trocken änderte und wir in eine sandige Gebirgswelt eintauchten.Die Grenzformalitäten waren sowohl auf der georgischen, wie auf der armenischen Seite ein Kinderspiel und das obligatorische Foto am Grenzstein wurde sogar mithilfe eines Grenzbeamten geschossen. Noch erfreulicher war, dass ein von Pavel nicht bezahlter Strafzettel wegen dem Überfahren einer durchgezogenen Linie in Georgien zwar vom Grenzbeamten im System entdeckt und angemahnt wurde, er jedoch seinen Pass ohne zu zahlen mit einem Lächeln zurückbekam.

 

Bis auf die Landschaft ließen sich zunächst keine großartigen Unterschieden zwischen den beiden christlichen Kaukasusrepubliken ausmachen. Uns kam es so vor, als sei Armenien eher Russland zu gewandt, wohingegen Georgien eindeutig seinen Weg nach Europa sucht.

Von der Grenzstadt aus radelten wir über Noyemberian entlang der kurioserweise unbewachten aserbaidschanisch-armenischen Grenze in Richtung Sevansee. Einen kleinen Hoppser auf aserbaidschanischen Grund konnten wir uns daher nicht verkneifen.Die Tagestemperaturen hatten mittlerweile merklich zugenommen und die armenische Topografie hatte den ein oder anderen Pass im petto - kein einfaches Pflaster. Fix und fertig erreichten wir am zweiten Tag den auf 1900 Metern gelegenen Sevansee und schlugen unser Zelt vor einer herrlichen Kulisse direkt am Ufer auf.

Vom Sevansee aus waren es schließlich nur noch 70 km bis zur Hauptstadt - so hatten wir Abends noch Kraft und Zeit einen kleinen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Auch trafen wir uns hier mit Olli und Erika und als besonderes Schmankerl lief Abends noch das Freundschaftsspiel unserer Elf gegen Armenien. Da wir jedoch noch unsere Visa-Pläne im Hinterkopf hatten blieben wir in Yerevan nur eine Nacht, obwohl die Stadt sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte und man sich hier vor Iran nochmal eine letzte Dosis "Nachtleben" hätte gönnen können. Außerdem hatten wir soviel Gutes über die Iraner gehört, dass es uns ehrlich gesagt unter den Nägeln brannte endlich weiter zu kommen.

Bis zur iranischen Grenze gab es jedoch noch einiges zu bewältigen: namentlich kleiner Kaukasus. Dieser ist zwar kleiner als sein großer Bruder, deswegen aber immernoch nicht "klein". Jeden Tag standen etwa 2000 hm auf dem Plan und man fährt in einem Zick-Zack (bedingt durch die "angespannten" Beziehungen zu den Nachbarländern) durch Armeniens Bergwelt. Aus 200 km Luftlinie werden somit 400 km zu fahrende Strecke, die aber jeden Kilometer wert sind. Auf dieser Etappe hatten wir bis jetzt die beeindruckendste Landschaft mit wunderschönen Zeltplätzen auf einsamen Hochebenen. Auch wechselte die Landschaft innerhalb Armeniens mehrmals von trocken über steppig zu grün. Hier schien jedes Tal sein eigenes Klima zu haben. Der schönste Ort in Armenien war eindeutig das Dörfchen "Tatev", in dem nun gezielt der Tourismus ausgebaut wird. Eingebettet zwischen einer tiefen Schlucht und einem Gebirgskamm steht auf einem Felsvorsprung ein kleines Kloster.

Nach dem letzten Pass auf armenischer Seite (2540 m) ging es bis Iran nurnoch bergab. Die Kulisse an der Grenze war erstaunlich: Schroffe trockene Berghänge ohne Vegetation. So muss es auf dem Mars aussehen.

Wir setzten unsere restlichen armenischen Dram in Eis um und machten uns - bewaffnet mit unseren Reisepässen - auf zur Grenzstation. Im Gegensatz zur georgisch-armenischen Grenze musste auf armenischer Seite nochmal unser gesamtes Gepäck durch den Scanner. Dem Bildschirm wurde schließlich überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt. Hauptsache alles wird durchleuchtet.

So etwas hätten wir eher auf der iranischen Seite erwartet. Hier lief glücklicherweise alles glatt. Welcome to Iran!

Bereits nach wenigen Minuten begannen die ersten Kuriositäten. Es mussten iranische Rial her. Da Iran vom Internationalen Zahlungsverkehr abgeknippst wurde und Kreditkarten nutzlos sind, müssen die gesamten Spesen in Bar mitgebracht werden. Man läuft daher ohnehin schon mit viel Scheinen am Körper herum. Als wir schließlich unsere erste Ladung Euro umtauschten wurden wir innerhalb von wenigen Minuten zu Millionären. Ein Euro sind etwa 44.000 Rial und der größte Schein ist die 100.000 Rial Banknote. Man bekommt also einen ordentliche Batzen, der kaum ins Portemonnaie passt.

In der westlichen Welt genießt der Iran keinen guten Ruf. Schon vor der Reise wurden wir von vielen - ja genau, damit meinen wir Euch - kopfschüttelnd gefragt, wie wir nur durch dieses Land fahren können. Wir sind heilfroh es doch getan zu haben und dass wir nicht auf solche Scheisshausparolen reingefallen sind.Die Iraner sind vermutlich eins der gastfreundlichsten Völker auf dieser Erde, die nur darauf aus sind neue Bekanntschaften zu machen und dem "Gast" zu helfen. Gäste - unabhängig von ihrer Religion - sind hier soetwas wie Heilige die es zu versorgen gilt.

Wie oft wurden wir in den vergangenen Tagen eingeladen (Essen, Trinken, Schlafen)? Wir wissen es nicht mehr. Man hält irgendwo und nach wenigen Minuten kommen Iraner und fragen nach dem Woher und Wohin. Meistens schließt sich daran eine Einladung an. Wird kein Englisch gesprochen wird eben jemand angerufen, der Englisch spricht und der dann seine Dienste/Hilfe anbietet. Manchmal bekommt man einfach eine kalte Dose Cola in die Hand gedrückt - von einem Fremden, der daraufhin seine Wege geht. Das schöne daran ist, dass diese Begegnungen in der Regel nicht unangenehm sind und wohl wirklich auf Gastfreundschaft und Interesse des Gegenübers beruhen. Besonders intensiv war diese Gastfreundlichkeit, als wir zwei Nächte bei Amir in Zanjan verbringen durften. Mit einer Selbstverständlichkeit konnten wir uns im Haus seiner Eltern aufhalten, die so in Deutschland wohl kaum zu finden ist. An reichlicher Beköstigung und dauerhafter Aufmerksamkeit seitens Amir hat es natürlich nicht gemangelt. Auch hier in Teheran (und damit einer eigentlich anonymen Großstadt) bleiben solche Begegnungen nicht aus.

Bilder von Extremisten und Unterdrückung konnten wir bisher und werden wir vermutlich nicht mehr im Iran sehen. Selbstverständlich kommt man mit den - häufig außerordentlich gebildet- und ausgebildeten- Menschen in Kontakt und erfährt, dass vieles im Land auf der politischen Ebene nicht rosig läuft. Mehr dazu jedoch vielleicht später.

Bis jetzt sind vor allem die Menschen das Highlight hier in Iran.

Erwähnung sollte auch unser Zwischenstopp in Marand finden. Hier lebt Akhbar, dessen Leidenschaft es ist Radreisende abzufangen und diese mit Essen und Telefonnummern von potenziellen Gastgebern in Iran zu versorgen. Mittlerweile hat Akhbar Fotoalben von über 400 Radreisenden.

Eigentlich war geplant entlang des Kaspischen Meeres bis Teheran zu radeln; wir entschieden uns letztendlich jedoch aus Zeitgründen dagegen und fuhren durch das Landesinnere über Tabriz, Zanjan und Qazvin. Gut, dass wir zwei Nächte in Zanjan verbringen konnten, denn die folgenden 370 km sollten eine Tortur sondergleichen werden. Vier Tagen dauerhaft sehr starken und unnachgiebigen Gegenwind. So macht Radfahren keinen Spaß. Nun haben wir aber all dies hinter uns gelassen.

Während die usbekischen Beamten nun eine Woche mit unseren Unterlagen spielen dürfen, werden wir übermorgen nach Esfahan mit dem Bus fahren.

Khoda hafez!

Pavel und Manuel

VISA

Der erste Tag in Teheran wurde sofort genutzt um mit der Visabeschaffung zu beginnen. Zunächst mussten wir uns auf der deutschen Botschaft ein Empfehlungsschreiben besorgen, welches zumindest hier in Teheran Voraussetzung für die Beantragung einiger Visa ist. Normalerweise werden die Empfehlungsschreiben jeweils für ein Land ausgestellt und kosten pro Stück 25€. Da kommt schnell was zusammen. Nachdem wir unseren Unmut über die hohen Kosten kundgetan haben, bot der Beamte uns an die Stan-Länder auf ein Schreiben zu packen. Das soll manchmal gut gehen, manchmal aber auch nicht. Wir machten drei schöne Farbkopien und fuhren zum usbekischen Konsulat. Wir wurden sogar wegen unserer vorbildlichen Unterlagen gelobt. Nächste Woche Sonntag können wir das usbekische Visum abholen und im Anschluss daran das turkmenische Visum beantragen. Im Anschluss daran ging es zur tadschikischen Botschaft. Auch hier wurde unser Schreiben genommen. Das tadschikische Visum ist sogar schon morgen fertig. Sowohl die Usbeken als auch die Tadschiken gaben uns den Pass wieder mit; dieser ist somit nicht blockiert.

Empfehlungsschreiben für die Stan-Länder

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Kommentar von Julian |

Klasse Bericht! Pavel bekommt langsam Ähnlichkeit mit Reinhold Messner ;)

Kommentar von Julia |

Danke Ihr Beiden für die Korrektur der Vorbehalte über diese exotischen Länder unsererseits. Schön zu hören, dass wir doch sehr voreingenommen zu sein scheinen, was diese Länder angeht. Toll dass ihr so gute bzw. tolle Erfahrungen gemacht habt. Irre, was ihr alles erlebt und somit auch korrigieren könnt, was die Fehleinschätzungen angeht. Man ist hierzulande schon etwas sehr zurückhaltend, was die von euch erlebte Gastfreundschaft und Offenheit Fremden gegenüber angeht. Schade. Aber es kommen hier auch selten ferngreiste Radler 'vorbei'. Lach. Ich wäre wahrscheinlich auch sehr interessiert, wenn solche Exoten mit so einem Fahr-Pensum bei uns vorbeikommen würden. Weiterhin soviel Glück und Fortune mit euren Erfahrungen. Ihr habt es aber auch verdient. Dicke Umarmung für euch beide. Jule

Kommentar von Valeska |

Liebe Jungs,
verfolge eure Berichte mit Neugier und Spannung.
Zu euren Zielen und Passagen besorge ich mir Literatur und DVDs und begleite euch somit ein wenig. Im Iran gibt es ja unglaublich viele historische Stätten. Allerdings gibt es beim Blick ins Kartenwerk für mich die Frage, wie ihr von Tadschikistan den Westhimalaya queren wollt. Auf diese Etappe bin ich sehr gespannt.
Weiterhin alles Gute und viel Glück wünscht euch
Valeska

Kommentar von Axel |

Hey Manuel, hallo Pavel,
habe vorhin an Euch gedacht (OK, eigentlich nur an Manuel) und spontan Thomas angerufen, um Neuigkeiten zu erfahren. Er hat mich auf Eure Staubspuren hingewiesen, und ich habe Vicki gerade eine Viertelstunde daraus vorgelesen. Tolle Erfahrungen macht Ihr, und Eure Berichte sind mit viel Genuss und Lerngewinn zu lesen. Hervorragend geschrieben, übrigens! Schade, dass Ihr voraussichtlich keine Visa für China bekommt.
Wir freuen uns schon auf die nächsten Kapitel und auf weitere korrigierte Vorurteile und ignorierte Scheisshausparolen!
Gute Fahrt und starke Waden!
Liebe Grüße von Axel & Vicki

Kommentar von Marcus |

Hallo,
unglaublich was ich zu lesen bekommen, als ich von der Reise hörte und die Vorbereitung auf die Reise, hatte ich nur den Kopf geschüttelt. Kann nur meinen (nicht vorhanden) Hut ziehen, nicht das man so etwas bis jetzt geschafft hat, sondern auch die Zeit und Muße findet solche Eindrücke den hier hinterbliebenden zu vermitteln, Mact einfach Spass die Reise zu verfolgen. Wünsche Euch weiterhin viel Erfolg für Eure Reise.

Gruß
Vom Rundstranguß