Die letzten Tage in Asien

von Manuel Waßenberg

Seit unserem letzten Bericht über den Pamir-Highway ist inzwischen fast ein Jahr vergangen. Seit Ende September 2014 sind wir zwei wieder in Aachen und machen damit weiter, womit wir im gleichen Frühjahr so abrupt aufgehört hatten - dem Alltag. Höchste Zeit also für einen Abschluss der Tour auf dieser Seite. Zunächst nochmal ein kurzer Blick auf die letzten Tage in Kirgisistan.

Nach einem mehrtägigen Stopp in Osh stand unsere letzte Etappe nach Bishkek vor uns. Irgendwie ein seltsames Gefühl, waren wir doch gerade auf dem Höhepunkt unser körperlichen Fähigkeiten. Ein perfekt eingespieltes Team um viele weitere Kilometer zu bezwingen. Leider trennten uns lediglich 650 Km von der kirgisischen Hauptstadt und damit von unserem Abflugort zurück nach Deutschland. Einziges Trostpflaster war die bevorstehende Fahrt von Berlin nach Düsseldorf. Trotzdem war uns zu diesem Zeitpunkt klar: In Bishkek nimmt das Abenteuer Seidenstraße sein Ende.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass uns Kirgisien in puncto landschaftlicher Schönheit weiterhin treu blieb. Aus dem saftig grünen Ferghana-Tal ging es innerhalb von zwei Tagen durch die imposante Naryn-Schlucht im ständigen Auf-und-Ab wieder ins Hochgebirge. Wir umfuhren den  malerisch gelegenen Toktogul-Stausee, wofür wir selbst beinahe einen gesamten Tag benötigten. Bemerkenswert sind die großen Unterschiede der Vegetation: extrem trockene Abschnitte mit einigen Gräsern und sandigen Bergen, dann wieder viel Grün in der Nähe von Dörfern.

Toktogul-Stausee in Kirgisistan - verwuchert mit Hanf-Pflanzen so weit das Auge reicht

Nach Toktogul standen wieder eine Menge Höhenmeter auf dem Programm: unsere letzten beiden Pässe. Innerhalb eines Tages strampelten wir von ca. 1000 m auf knapp 3200 m. Nun hatten wir wieder das Bilderbuch-Kirgisien vor unseren Augen: Gräserne karge Täler mit einigen Yurten.

Hinter dem Pass wurde kilometerlang am Straßenrand „Kurt“ zum Verkauf angeboten: eine unheimlich salzige und trockene Joghurtzubereitung aus Pferdemilch, die in Konsistenz und Aussehen harten kleinen Gipskugeln Nahe kommt. Mindesthaltbarkeit: Unendlich. Seit Usbekistan hatten wir in Zentralasien immer wieder das „Vergnügen“ Kurt gereicht zu bekommen, daher soll dieser hier nicht unerwähnt bleiben. Ein Batzen hiervon und man begreift diesen Fleck Erde ein bisschen besser.

karge kirgisische Gebirgslandschaft

Der letzte Tag nach Bishkek war ein ehrlicher Abschluss. 150 Kilometer vom Zelt zum Hostel, dazwischen ein fantastischer Pass. Auf den letzten Kilometern war noch einmal unsere volle Konzentration gefragt, denn der Verkehr fließt schnell und rücksichtslos. Ich möchte nicht wissen, wie erschöpft wir aussahen, als wir im Hostel klingelten. Auch wenn Bishkek sich erst im Laufe der Tour zur letzten Station herauskristallisierte und wir anfänglich nach Indien radeln wollten, haben wir uns innerlich gedacht: Geschafft!

Bishkek wurde wie viele weitere Städte wieder ein Ort der Zusammenkunft mit tollen Menschen, die uns während dieser Tour begleitet haben. Das üppige Zeitpolster bis zum Abflug wurde intensiv für feucht-fröhliche Abende, Basar-Besuche, die Organisation von Kartons für unsere Fahrräder (kein leichtes Unterfangen) und Unmengen an verhältnismäßig leckerem Essen genutzt.

Da sich gerade während unserer Zeit die Visabestimmungen für kurze Kasachstanbesuche gelockert wurden, machten wir zusammen mit Mathieu einen Ausflug ist nahe gelegene Almaty - der ehemaligen Hauptstadt von Kasachstan. Ein interessanter Kontrast, da Bishkek im Vergleich zu Almaty viel unterentwickelter und chaotischer ist.

hinter der kasachischen Grenze - geworben wird für das neue "Kasachstan 2050"

Die 10 Tage in Bishkek vergingen schnell und es hieß erneut einigen Menschen Lebewohl zu sagen. Glücklicherweise können wir im Rückblick berichten, dass wir mit fast allen lieb gewonnenen Menschen weiterhin in Kontakt stehen und viele von ihnen wieder getroffen haben.

Der Flug nach Berlin war kurz. Man sitzt 8 Stunden in einer Kabine und ist wieder in Deutschland. Unglaublich, wenn man sich klar macht, dass wir hierfür etwa fünf Monate benötigt haben. Man verpasst so viel da oben.

Nach einigen Tagen in Berlin machten wir uns erneut mit unseren bepackten Drahteseln auf, um nach Hause „auszurollen“. Irgendwie missfiel uns der Gedanke direkt nach Düsseldorf zu fliegen, mit Bannern empfangen zu werden und die eingepackten Räder ins Auto zu laden.

Ein weiterer Beweggrund war aber auch einen von uns gänzlich unbekannten Teil unseres Landes kennenzulernen. So besuchten wir namenhafte Städte wie Potsdam, Wittenberg, Leipzig, Jena, Weimar, Erfurt, Gotha und Eisenach. Das Wetter hätte besser nicht sein können. Interessant für uns war vor allem der Kontrast zu unseren ersten Tagen auf dem Fahrrad, wo alles noch so ungewiss war und wir in den Abendstunden beinahe panisch einen Campingplatz suchten, um bloß nicht Wildcampen zu müssen. Als wir noch nicht wussten, wo sich was in unseren Taschen befindet und wieviele Kilometer wir uns zumuten können - generell gesagt: wie man seinen Alltag als Reiseradler organisiert. Jetzt waren wir Experten und spulten unsere eingebrannte Routine ab. Das macht Freude und zaubert mir immer noch beim Gedanken an die ersten Tage ein Lächeln ins Gesicht.

Die wirklich letzten Kilometer verschwanden im Tunnelblick, ab nach Hause…

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