Iran #2, Turkmenistan und Usbekistan

von Pavel Mann

Dieses Mal melden wir uns aus dem kulturellem Zentrum Uzbekistans, aus Bukhara. Nachdem wir zehn Tage in Teheran verbrachten, radelten wir knapp 850km innerhalb von 6 Tagen. Während unseres langen Aufenthaltes in Teheran hausten wir im "Hotel Mashhad", das sich schnell als Wohlfühloase entpuppte, sodass wir nicht wie geplant die Reise nach Esfahan angetreten sind. Stattdessen haben wir die Füße hochgelegt und viel Zeit mit unseren bereits bekannten Freunden Olli und Erika oder unseren neuen Freunden Werner, Boris, Antoine und weiteren verbracht und gemeinsam auch die Weltmeisterschaft verfolgt. Außerdem galt es ja noch sämtliche Visa abzuholen, welches ohne jegliche unangenehme Zwischenfälle gelungen ist. Desweiteren nutzten wir die viele Zeit um die mittlerweile zahlreich gewordenen Abnutzungserscheinungen unserer Drahtesel einigermaßen in den Griff zu bekommen. So wechselten wir unter anderem Ritzel, Kassette, Ketten oder Tretlager aus. Am letzten Tag in Teheran holten wir das Visum für Usbekistan ab und beantragten daraufhin das turkmenische. Somit war der Startschuss für die Abreise gefallen und frohen Mutes machten wir uns auf den Weg in den Norden in Richtung des Kaspischen Meeres, denn die Vorhersage im Internet sagte uns stetigen Rückenwind voraus.

Nach einigen Kilometern im dichten und gewöhnungsbedürftigen Stadtverkehr Teherans, der uns aber sehr ans Herz gewachsen ist, verließen wir die Stadt und fuhren mitten ins Gebirge, das uns vom Kaspischen Meer trennte. Der lange Anstieg sollte mit einer 100km Abfahrt belohnt werden und mit einem Anblick auf den majestätisch anmutenden Berg Damavand (ca. 5200m).

Damavand

Pustekuchen. Sehr schnell durften wir feststellen, dass die Recherchen bezüglich der Windverhältnisse absoluter Unfug waren und somit hatten wir ständig mit Gegenwind zu kämpfen. Ans Kaspische Meer, circa 20 Meter unter dem Meeresspiegel, gelangten wir trotzdem und badeten im warmen Meer, um sämtlichen Schweiß, Smog, Staub und sonstigen Schmutz von unseren Körpern zu waschen. Hier stieg die Luftfeuchtigkeit enorm an und selbst die Nächte waren eine Herausforderung für unsere Schweißdrüsen. Nach ein paar Tagen kamen wir in Aliabad an mit der Intention uns ein Hotel zu nehmen, damit uns nicht das Viertelfinalspiel der Deutschen entgeht. Schnell sind wir auch fündig geworden und landeten in einer Art Jugendherberge. Die Überraschung sollte aber nicht lange auf sich warten lassen, gerade als wir uns ein wenig im Zimmer breit gemacht und haben und duschen gehen wollten, wurden wir "höflichst" gebeten doch wieder unsere Stätte auf der Stelle zu verlassen. Über mehrere Umwege landeten wir bei Ari, einem Taubenzüchter. Bei ihm schauten wir das Spiel zusammen mit seinen Freunden und hatten letztendlich einen netten Abend.

Der Rest des Weges nach Quchan führte uns durch den Golestan, einem Nationalpark im Iran, wobei uns schnell deutlich wurde, dass man hier ein anderes Verständnis von einem Nationalpark hat. Die Einstellung zur Umwelt ist hier doch eine andere als beispielsweise in den USA. Zu Anfang war dieser stark bewaldet, nach einigen Kilometern erreichten wir jedoch wieder die Wüste und durch diese fuhren wir bis Quchan durch, nicht zu vergessen - immer bei schönem Gegenwind.

Zwischen Quchan und Mashhad pendelten wir mit dem Bus, weil Mashhad nicht auf dem Weg liegt, dort galt es eigentlich nur, dass Visum für Turkmenistan abzuholen. Das klappte auch alles wunderbar. Zusätzlich besorgten wir uns beide noch jeweils einen Ersatzreifen, guckten uns den Heiligen Schrein an, den wohl heiligsten Pilgerort der Iraner und genossen wieder die Zeit im Hostel mit vielen alten Bekannten. Erstmals kamen wir auch in Kontakt mit iranischen Frauen, auf die wir in einer Wechselstube trafen, und die uns prompt den ganzen Nachmittag entführten und zum Essen einluden. Nach iranischem Recht ist dies eine illegale Handlung. Am Tage darauf ging es auch schon wieder zurück nach Quchan, um die letzten Kilometer bis zur turkmenischen Grenze hinter uns zu bringen.

Im Vorfeld haben wir uns sehr viele Gedanken um den Fastenmonat Ramadan gemacht, Pläne gemacht wo und wann wir ungehindert Wasser zu uns nehmen können, Überlegungen angestellt, ob es ein Problem für Reisende sein könnte beim Fastenbrechen erwischt zu werden. Schnell erkannten wir das all das Grübeln für die Katz war, denn das Fasten erfolgte recht sporadisch. Teilweise mühten sich einige Leute noch ab in versteckten Gassen ihren Happen Essen in ein bis zwei Bissen herunterzuwürgen und dies mit einer Dose Cola herunterzuspülen oder heimlich und schnell eine zu qualmen, aber spätestens als wir außerhalb der Großstädte waren, merkten wir mal wieder, dass ein Großteil der Bevölkerung keine praktizierenden Muslime sind und sich nicht großartig um die Sitten ihres Landes scherten. Das nahmen wir wohlwollend zu Kenntnis und zählten uns daher natürlich auch schnell zu den Fastenbrechern.

Mit einer Mischung aus Vorfreude und wohlbehaltener Vorsicht überquerten wir pünktlich die Grenze nach Turkmenistan bei Bajgiran. Trotz vieler Geschichten um die Unfreundlichkeit der Grenzbeamten oder der langen Dauer von Kontrollen, kamen wir hingegen sehr flott voran und so standen wir in Turkmenistan. 700km in 5 Tagen, auf geht's! Sofort hinter der Grenze wurden uns die ersten Kilometer allerdings schon "erleichtert", da wir in ein Taxi verfrachtet wurden, ohne Möglichkeit uns den Anweisungen widersetzen zu können. 25km später und 20$ leichter trudelten wir in Ashgabat ein. Fast schlimmer als diese Unsinnigkeit und das verlorene Geld, war die geklaute Abfahrt, denn die Grenze lag auf ca. 1600 und Ashgabat auf lediglich 200 Metern Höhe.

Bei der Stadteinfahrt wurden wir regelrecht umgehauen. Es waren nicht nur die pompösen, wie aus einem Bilderbuch gemalten öffentlichen Bauten, die uns staunen ließen, selbst die Wohnhäuser waren aus geschliffenem Marmor und durch die spiegelglatten Straßen und der komplett in Weiß gezierten Stadt, bekam diese einen etwas unwirklichen Charakter. An jeder Straßenecke sorgte ein Polizist für Recht und Ordnung, beziehungsweise für die Einhaltung der sehr strengen Sitten in Turkmenistan. Erstmals seit Monaten fanden wir geregelten und ordnungsgemäßen Straßenverkehr wieder und auch die Bewohner der Stadt machten einen etwas untergebenen Eindruck. Nach nur wenigen Stunden mussten wir wegen des Zeitdruckes unsere Reise fortsetzen.

Straße in Ashgabat

Während die ersten Kilometer noch Vergnügen bereiteten (Rückenwind und die wohl beste Straße, die wir je befahren haben) wurde der Rest des Turkmenistanaufenthaltes um es Vorweg zu nehmen, eine Tortur!

In diesem Land und - wie wir später feststellen durften - in Usbekistan peitscht beinahe rund um die Uhr ein Nordwind ungekannter Stärke. Mal aus Nordost, mal aus Nordwest. Da wir jedoch ca. 150 km östlich von Ashgabat mehr und mehr in Richtung Norden fuhren, bekamen wir die volle Dröhnung ab. Dazu kommen Temperaturen von über 45°C, eine phänomenal miserable Wasserversorgung, entgegenfliegender Staub und natürlich der Zeitdruck im Hinterkopf. Die Straße wurde schließlich so schlecht, dass wir zeitweise neben der Straße fuhren. Beim Blick auf den Tacho und der daraus resultierenden Fahrzeit hätten einem die Tränen kommen können.

Ab Khauz-Khan südlich von Mary war die Strecke schließlich nicht mehr (für uns) befahrbar. Also musste das erste mal auf unserer Radtour der Daumen raus um die letzten 60 Km bis Mary per Bus zu fahren. An diesem Abend fand zudem das Finale statt und es galt noch ein Hotel mit Fernseher zu suchen.

Die folgenden sehr traurigen Stunden möchte ich nur kurz zusammenfassen: Trotz teurem Hotel und allen möglichen Vorbereitungen haben wir das Finale nicht sehen können. Kurz vor dem Einlaufen wurde ein Spielfilm eingeblendet. Lediglich die letzten 20 Minuten sahen wir in einer Widerholung um 7 Uhr in der Frühe.

Wären wir gewillt gewesen die Strecke durch die Karakum-Wüste wie ursprünglich geplant zu radeln, hätten wir bereits mitten in der Fußballnacht die Drahtesel satteln müssen, um dann am 4. Tag ca. 180 km und am 5. Tag die restlichen 100 km bis zur Grenze fahren. Bei diesem Wind eine nur schwer zu bewältigende Herausforderung. Also entschieden wir uns die Strecke bis Turkmenabat mit dem Auto zurückzulegen. Auch wenn es schwerfiel, im Nachhinein eine weise Entscheidung. Wir hätten es nicht geschafft und möglicherweise noch Probleme beim Grenzübertritt gehabt (die Grenze schließt irgendwann am Nachmittag).

Blendet man mal den Fahhrad-Teil aus, war Turkmenistan eine interessante Erfahrung. Nach dem Zerfall der UdSSR hat sich das Land unter dem exzentrischen Niyazov mehr und mehr abgeschirmt. Er entwickelte einen Personenkult von gigantischem Ausmaß, änderte seinen Namen in Turkmenbashi (Vater der Turkmenen), errichtete hunderte von goldenen Statuen seiner selbst und schrieb die "Ruhnama" die zu seiner Lebzeit Staatslektüre wurde. Der Wikipedia-Artikel über ihn, sowie die Doku "Absurdistan in Turkmenistan" sind zu empfehlen.

Nach seinem Tod übernahm Gurbanguly Bermimuhamedow seinen Platz, der Nyazovs Kult nun ungeniert fortführt. In Europa unvorstellbare Bilder von ihm (und seinem Pferd) zieren die öffentlichen Gebäude. Turkmenistan ist auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen direkter Nachbar von Nordkorea und Eritrea.

Eines der unzähligen Gebäude mit dem Bild des Präsidenten

Im turkemenischen Farap überquerten wir (diesmal ohne Taxi-Abzocke) die Grenze nach Usbekistan. Auch hier können wir die im Internet kursierenden Horrorgeschichten nicht bestätigen. Lediglich ein paar Taschen wurden begutachtet. Unseren Fotos auf unserer Kamera, die wir vorher mehrmals auf anderen Geräten gesichert hatten, wurde keine Beachtung geschenkt.Generell waren alle Grenzbeamte - ob turkmenisch oder usbekisch - eher daran interessiert mit uns über die neusten Fussballergebnisse zu reden.

Vor dem Grenzübertritt erkundigten wir uns noch bei einigen Lkw-Fahrern über den aktuellen (Schwarzmarkt-)Wechselkurs. Wenig später hielt ein Pkw neben uns, dessen Fahrerin uns ihre Dienste zum Geldwechseln anbot. Wir bekamen für 100 US$ insgesamt 290.000 Som - in 500 Som-Noten. Das sind sehr sehr viele Scheine, die jeweils in abgezählten Paketen überreicht wurden. Was für eine beknackte Währung. Wir wünschen dem usbekischen Volk schnellstmöglich eine Währungreform, oder zumindest deutlich größere Banknoten.

Achja, es gibt hier übrigens wieder frisch gezapftes Bier!

Wie geht es nun weiter mit uns? Mit unserer Basis in Buchara machen wir morgen einen Tagesausflug nach Samarqand. Dann geht es von hier aus weiter per Rad in Richtung Duschanbe, Tajikistan. Dabei werden wir die Grenze im Süden den Landes bei Denau überqueren. In den kommenden Wochen geht es dann weiter über den (legendären) Pamir-Highway ins kirgisische Osh und von dort aus weiter nach Bishkek. Dieser Abschnitt wird vermutlich der landschaftlich attraktivste auf unserer gesamten Tour.

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Kommentar von Cedric |

Herzlichen Glückwunsch! Der Iran wird sich an euch erinner;) Aber so ein Brat würde dem shadow doch bestimmt auch noch gut stehen, oder?;)

Kommentar von Julia |

Auch von mir Glückwunsch für die gesamte Strecke bis jetzt. Atemberaubend und unterhaltsam eure Berichte. Trefft ihr denn auch andere deutsche Radler? Und/oder andere Radler aus anderen Ländern? So besonders in den jetzigen Ländern?? Die sind ja schon ein wenig speziell. Wie geht es weiter? Wie sieht es mit China aus? Benötigt man da nicht eine Einladung? Könnte da evtl. helfen. Wenn erwünscht, melde dich Manu. Weiterhin tolle Erfahrungen und Strecken.

Antwort von Manuel Waßenberg

Das freut uns. Gerade diese Gegend ist ein Nadelöhr für Radfahrer. Größtenteils sind es Deutsche, Japaner, Franzosen und Schweizer. Aber mittlerweile haben wir schon Radler aus fast jedem anderen europäischen Land getroffen. Danke für das Angebot mit dem Visum. In Tehran hätten wir ohne große Probleme eins bekommen können,  nur haben sich unsere Pläne etwas geändert.  Wir werden hier in Zentralasien bleiben. Der Landweg nach Indien ist derzeit über Pakistan zu riskant. Bei uns geht es nun weiter in Richtung Bishkek mit der Option noch Kasachstan zu besuchen.