Pamir-Highway

von Manuel Waßenberg

Dass wir überhaupt über Tadschikistan und den Pamir Highway fuhren, ergab sich erst in Teheran. Bis dahin stand der Plan über Usbekistan, Kirgisien, China und Pakistan nach Indien zu fahren. Auf dem Weg trafen wir jedoch zahlreiche welterfahrene Radler, die beim Wort "Pakistan" die Stirn runzelten und uns davon abrieten. Nicht dass die Einreise unbedingt eine Gefahr für Leib und Leben bedeutet, aber die Sicherheitslage ist gerade so undurchsichtig, dass man schon ein gewisses Risiko eingeht. Ein paar kursierende Horrorgeschichten sind zusätzlich demotivierend. Ein überschaubares Risiko? Wir wissen es nicht. Wir sind hier um Spaß und keine Sorgen zu haben. Gerne wären einige von ihnen auch über den Karakorum in Richtung Südostasien gefahren. Hinzu kommt die Visa-Problematik mit Beantragung in Deutschland, Zusendung des Zweitpasses... Das Überfliegen des Landes war für uns irgendwie keine wirkliche Option. In Sary-Tash trafen wir zwei Holländer die gerade aus Pakistan kamen: natürlich alles easy und überhaupt kein Problem!

Mit diesem Thema im Kopf fiel der Blick auf Tadschikistan als kleine Alternative. Wann kommt man schonmal hier her? Die Bildersuche brachte fantastische Aussichten von schneebedeckten Bergen und hohen Pässen. Statt Himalaya der Pamir. Kein Visumstress. Gut. Dass Erika und Olli ebenfalls diesen Weg fuhren, war ein weiteres Argument.

Höhenprofil zwischen Khorug und der kirgisischen Grenze

Nach einigen Tagen Aufenthalt in der Pamir-Lodge in Khorugh ging es schließlich los. Von ca. 2000 m ü. NN fuhren wir für etwa 150 km das Gunt-Tal hinauf mit einer Übernachtung auf 3000 m. Hier zeigte sich Tadschikistan nochmal von seiner schönsten Seite: ein wunderbar grünes Tal, klares Wasser und im Hintergrund weiße Bergspitzen. Dass es hinter dem ersten großen Pass (4271m) ganz anders aussehen soll, war zu diesem Zeitpunkt noch irgendwie unvorstellbar. Der zweite Tag sollte uns schließlich mit einer bisher unbekannten Herausforderung bekannt machen: der Höhe. Besonders bei mir fingen ab 3500 m Kopfschmerzen an, die oben auf dem Pass keine Freude über die gezeigte Leistung aufkommen ließen. Auch die nächsten Tage gab es wegen andauernder Kopfschmerzen Ibuprofen und Co. Hauptsache so schnell wie möglich Höhe verlieren. Leider ist man ab diesem Punkt etwas beschränkt, denn es bleibt hoch. Unser erstes Zeltlager hinter dem ersten Pass schlugen wir ziemlich geschafft auf 4050 m auf. Schlafen? Für uns beide unmöglich. Sicherlich wäre es sinnvoll gewesen den Aufstieg etwas langsamer angehen zu lassen.

Die nächsten 150 km bewegt man sich in einer wüstenartigen Hochebene. Keine Bäume, keine Sträucher, wenn überhaupt ein paar Gräser. Ab und zu sieht man mal ein Haus oder einer Yurte irgendwo im Nichts. Die wenigen richtigen Orte auf der Strecke (Alichur, Murghab und Karakul) sind an Trostlosigkeit und Hässlichkeit nicht zu übertreffen. Endstation Alichur. Wie es hier im Winter sein muss - unvorstellbar.

Am vierten Tag nach Khorugh erreichten wir Murghab auf 3600 m Höhe - endlich mal wieder durchschlafen. Das war auch nötig, denn der kommende Tag sollte einer der Anspruchsvollsten auf unserer gesamten Tour werden. Um von Murghab nach Karakul (am gleichnamigen See) zu gelangen, muss der höchste Pass des Pamir-Highways überquert werden. Der 4655 m hohe Ak-Baital Pass. Recht motiviert radelten wir zeitig von Murghab los, doch schon nach wenigen Kilometern wurde es schlagartig eisig kalt und es begann zu regnen und graupeln. Also absteigen und die eingestaubten Regenklamotten anziehen. Die Überquerung des Passes rückte schlagartig in Ferne. Doch wie die Berge nunmal so sind, ließen besseres Wetter und höhere Temperaturen (von 4°C auf 18 °C!) nicht lange auf sich warten. Auf geht's. Ziemlich zügig fuhren wir ohne lange Pausen das karge Tal in Richtung Pass hinauf. Irgendwann waren die steilen Serpentinen und die Passhöhe in Sicht. Endspurt. Auf Meereshöhe hätte man über solch einen Anstieg gelacht, doch auf dieser Höhe mit dem ganzen Gepäck auf groben Schotter war uns Lachen nicht zumute. Es ist unglaublich wie langsam man sich mit einem Fahrrad vorwärts bewegen kann, trotz eigener Schlangenlinien auf der Piste. Die letzten Kilometer dauerten gefühlt eine halbe Ewigkeit.

 

Auf dem Gipfel angekommen waren wir sichtlich Stolz. Alle Lasten waren abgefallen. Nach ein paar Fotos und einer kurzen Pause galt es soweit wie möglich von den 4655 m an Höhe zu verlieren. Kein Problem sollte man meinen, doch weit gefehlt. Nach wenigen Metern kam uns eisiger Wind entgegen, Finger froren und die Piste verwandelte sich in ein endloses Waschbrett. Was eine Tortur und was für ein beschissenes Ende. Das Zelt schlugen wir schließlich total entkräftet auf 4200 m auf.

Am nächsten Morgen morgen wurden wir von Kaiserwetter geweckt und fuhren bei genialsten Aussichten auf die Pamirregion in Richtung Karakul.

Im Ort schlossen wir uns zwei schweizer Brüdern an, um noch ein ein paar Kilometer und den vorletzen Anstieg vor der Grenze zu bewältigen. Die Verhältnisse und das Streckenprofil ließen eigentlich nichts böses erwarten, doch dies sollte sich schnell ändern. Wolken zogen auf, die Temperatur fiel merklich und wir zogen uns erneut Handschuhe und Regenjacken an. Vorboten von zwei absoluten Horrorstunden. Der kleine Pass brachte Eiseskälte, böigen starken Gegenwind und schließlich einen Schneesturm mit sich. Die Finger waren nur noch leblose Krallen an unseren Lenkern. Mit einer saftigen Portion Humor quälten wir uns die letzten Meter zur Passhöhe hinauf und schlugen bei der nächsten Gelegenheit das Zelt auf. Geschlafen wurde mit allem was wir hatten: zwei Pullover, zwei bzw. drei Hosen, Mütze, Inlet, Schlafsack und Decke. So ließ sich die kalte Nacht (im Zelt 0°C, am morgen -8°C) gut überstehen.

Nun waren es nur noch 20 km bis zur Grenze und 63 km bis ins kirgisische Sary-Tash. Während der Abfahrt auf der kirgisischen Seite kam uns Norbert bereits mit dem Fahrrad entgegen und gemeinsam radelten wir die letzten Kilometer zum Hostel. Diese Kilometer waren wohl mit die schönsten im Pamir, denn wie von Geisterhand wurde es plötzlich wieder herrlich grün und wir mussten mehrfach anhalten, um die herrlichen Ausblicke auf das gewaltige Pamirmassiv zu genießen.

Emanuel, Sebastian und wir zwei

Nach drei netten Tagen und Nächten hieß es dann einigen liebgewonnenen Menschen Lebewohl zu sagen. Olli und Erika, die wir seit der Türkei kannten und mit denen wir unzählige lustige Stunden verbracht haben, bogen hier gemeinsam mit Norbert (er war in Georgien an unserer Seite) in Richtung China ab. Wir fuhren in Richtung Norden. Der Abschied an der Weggabelung war nicht leicht.

 

Mittlerweile hocken wir in Osh und planen bei Pizza und zahlreichen Bieren die letzten Tage unserer Tour. Morgen radeln wir hier auf der Hauptstraße in Richtung Bishkek. Dort müssen wir einige Dinge für den Heimflug organisieren und setzen unseren Weg noch ins kasachische Almaty fort. Hier ist dann vorerst Schluss. Am 10. 9 fliegen wir von Bishkek über Moskau nach Berlin.

Ein Yak auf dem Pamir

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Kommentar von Valeska |

Liebe Jungs!
nach Eurem heftigen Anstieg auf den Ak-Baitalpass mit 4.655 m ( immerhin 1.693 m über Zugspitzniveau)gehen meine letzten Grüße ins Netz. Bei geplanter Ankunft um den 10.9. kannst Du Deinen Burtstag ja in heimischen Gefilden " notfalls Berlin " feiern. Wir freuen uns Dich dann hier in Lillidorf gesund und glücklich wiedersehen zu können.
Grüße auch an Deinen starken Mitstreiter und volle Restkraft in die Pedale!
Valeska

Ankunft am 10./11.9 hört sich für uns alle sehr gut an. Dann kannnst Du, Manuel, deinen Burtstag ja in heimischen Gefilden feiern.

Kommentar von Julia |

Hi, Ihr beiden Höhenkraxler mit dem Rad'l. Da leidet man ja richtig mit, bei den Wetter-Kapriolen auf den Höhen. Gefrorene Krallen und Michelin-Männchen-Look mit Zwiebel-Dress-Taktik (Schicht über Schicht....)......Mannomann. Bald aber habt ihr es geschafft. Ihr habt eure Idee verwirklicht....mit Bravour. Wir alle freuen uns sehr, dass ihr dann wohlbehalten wieder zurückkommt. Ist ja quasi nur noch 2 x schlafen... :). Viel Kraft noch für die letzten Ziel-Meter. Alles Gute für euch und dann ab nach Schland. Drücke euch beide ganz fest.